Seit dem 17. April können in Nordrhein-Westfalen wieder Anträge auf Soforthilfe gestellt werden – und noch immer gehen tausende ein. Alleine am vergangenen Wochenende kamen 20.000 neue Anträge hinzu. Dabei musste sich das NRW-Wirtschaftsministerium in der Presse einigen Spott gefallen lassen, als der rein digitale Prozess von Betrügern ausgenutzt und in Folge dessen abgeschaltet wurde. Was anfangs gelobt wurde, wurde kritisiert: Ein rein digitales Verfahren und wenig Bürokratie.

Höchste Zeit für eine Ehrenrettung: Für die betroffenen Unternehmen war das Vorgehen des Ministerium kein Fehler, sondern bitter nötig. Es heißt schließlich Soforthilfe, weil sie sofort helfen soll. Alleine in den ersten Tagen wurden über 320.000 Anträge auf Unterstützung gestellt und die meisten bereits nach atemberaubend kurzer Zeit bescheidet und ausgezahlt. Wie schnell eine Landesverwaltung reagieren kann, wenn sie denn will, hat positiv überrascht und bleibt eine Benchmark über diese Krise hinaus.

Wie wichtig diese schnelle Reaktion war, zeigt auch die bundesweite Studie des Startupverbandes zur Corona-Krise. Die wichtigste Forderung darin: Kurze Bearbeitungszeiten und schnelle Bescheidung.

Ansonsten zeigt sich die Startup-Szene auch in der Krise so divers wie immer. Über 90 Prozent sehen sich durch die Ereignisse in ihrer Tätigkeit beeinflusst, über 80 Prozent fürchten um ihre Existenz. Wer sich wie stark betroffen fühlt, hängt an Brachen, am Alter, an der Größe und dem Stand der Finanzierung. So merken einige Branchen keine oder sogar positive Effekte – zum Beispiel diverse Lieferdienste – andere Branchen sind beinahe vollständig in ihrer Existenz gefährdet. Unter TravelTech-Startups fürchten 95,7 Prozent um ihre Existenz.

Aufbauend auf den Zahlen des Bundesverbandes haben wir mit NRWalley eine eigene Umfrage gestartet, die konkrete Probleme sichtbar machen soll. Weniger Übersicht, aber mehr Tiefe. Eine große Hilfe dabei: Das vitale Ökosystem, dass diese Bemühung mit eigenen Umfragen und Abfragen ergänzt – wie beispielsweise die Kollegen der Düsseldorfer Initiative StartupDorf.

Die Ergebnisse all dieser Umfragen sind deckungsgleich: Fast alle betroffenen Startups klagen über wegbrechende Aufträge. In einigen Fällen sorgen diese nicht nur für Umsatzeinbußen, sondern teilweise auch für massive Mehrarbeit durch die Bearbeitung der Stornierungen. Im B2B-Bereich werden viele bereits vereinbarte Aufträge verschoben. Der Grund ist oft ein Investitionsstopp auf der Kundenseite. Auch die Zahlungsmoral der Kunden hat abgenommen, was Startups mit ihrer dünnen Kapitaldecke hart treffen kann.

Durch die Absage von Messen, Events und Konferenzen fallen für viele Startups die wichtigsten Sales-Kanäle weg. Vertrieb und Kundenakquise sind wesentlich erschwert.  Kunden finden aufgrund eigener wirtschaftlicher Sorgen keine Zeit sich mit innovativen Lösungen zu befassen.

Viele Startups treibt die Sorge um, dass ihre aktuelle Finanzierungsrunde platzen könnte. Insgesamt wird eine starke Risikoaversität von Investoren wahrgenommen. Die Umfrage von StartupDorf zeigt, dass 60 Prozent der befragten Startups ihre nächste VC-Runde als sehr gefährdet ansehen. 

Auf viele dieser Dinge hat die Landesregierung mit ihren ersten Maßnahmen bereits versucht zu reagieren. Durch das Soforthilfe-Programm, durch verlängerte Laufzeiten bei staatlichen Programme und durch einen gemeinsam mit der NRW.Bank aufgelegten Matching Fund, der auch bei der Erhöhung bereits bestehender Investments greifen soll.

Aber gleichzeitig kann dies nur ein erster Schritt sein. Trotz der großen Bemühungen, sitzen Betroffene in einigen Bereichen auch weiterhin auf dem Trockenen.

So zum Beispiel Social Startups – deutschlandweit rund 100.000 Unternehmen – die bisher von fast allen Förderungen ausgenommen sind, da ihnen die oft nötige Gewinnorientierung fehlt. Auch hier zeigen Umfragen, wie die von SEND e.V., die Dramatik der Situation: 85 Prozent der Social Startups sehen ihren Bestand gefährdet, ein Drittel bereits in den kommenden Wochen.

Ein besonderes Augenmerk verdient zudem das Umfeld der Startups. Dazu gehören mittelständische Coworkingspaces, Konferenzen, Initiativen und die vielen Einzelkämpfer die Beratungen und Seminare anbieten. Sie sind wichtige Schnittstellen, an denen Mehrwerte entstehen. Diese Oasen dürfen in der Krise nicht versiegen. Hier gilt es im Interesse des gesamten Ökosystems nachzusteuern – nicht nur vom Land, sondern auch von den betroffenen Kommunen.

Der Erhalt des breiten und lebendigen Ökosystems muss in einer zweiten Welle von Maßnahmen nun Priorität haben. Gerade nach der Pandemie braucht es Menschen die gründen – und diese brauchen das richtige Umfeld.

Ein wichtiges Instrument kann dabei die Wiedereinführung der Digitalisierungsgutscheine des Landes sein, die bis letzten Oktober kleinen und mittleren Unternehmen Ausgaben für die Entwicklung und Umsetzung einer Digitalisierungsstrategie anteilig mit bis zu 70 Prozent erstattet haben. Bei der Neuauflage gilt es jedoch darauf zu achten, alle bei Startups eingekauften Innovationsleistungen zu fördern und den Startups zugleich die Registrierung für eine solche Maßnahme durch die Verschlankung der Prozesse einfacher zu machen.

Analog zu diesem Instrument wäre ein eigenes Programm zur Förderung von Digitalisierungsangeboten denkbar, die von Coworkingspaces und anderen Ökosystemplayern erbracht werden. So ersetzt man keine wegfallenden Mieteinnahmen, sondern fördert neue und innovative Ideen.

Damit der Matching Fund der NRW.Bank breite Wirksamkeit zeigen kann, sollte er von zu engen Vorgaben entfesselt werden. Die Beschränkung auf Startups die jünger als drei Jahre sind, lässt zu viele Unternehmen außen vor die sich ebenfalls noch in der schwierigen Aufbauphase befinden. Gerade im Hinblick auf die Planungen des Bundes, der die Grenze bei zehn Jahren vorsieht, und die Funds anderer Bundesländer – in Hamburg liegt die Grenze so bei acht Jahren – sollte NRW sein Angebot hier nicht zu sehr verschlanken.

Nicht zuletzt sind auch die Städte und Gemeinden aufgefordert verstärkt als Kunden aufzutreten. Die aktuellen Vergaberichtlinien ermöglichen den Städten mehr freihändige Vergabeverfahren, sowie solche mit beschränkter Ausschreibung. Dieses Instrument muss jetzt genutzt werden.

Bereits zu Beginn der Krise haben wir als NRWalley einen Call der nordrhein-westfälischen Startupszene mit Wirtschaftsminister Prof. Dr. Andreas Pinkwart organsiert. Diesen Weg des direkten Kontakts werden wir auch in den kommenden Wochen gehen. Nicht immer laut und öffentlich, aber dafür wirksam.